Transformation im Wartemodus
- Michael Handschuh
- vor 23 Minuten
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Warum die Nachhaltigkeit in Unternehmen an Schwung verliert
Ein Kommentar von Michael Handschuh
In den letzten Jahren schien der Weg klar: Nachhaltigkeit war das Megathema, der strategische Nordstern für die deutsche Wirtschaft. Doch der neue Sustainability Transformations Monitor (STM 2026) - herausgegeben von der Bertelsmann Stiftung, der Stiftung Mercator, der Universität Hamburg und der Peer School - liefert ein ernüchterndes Update. Zwar bleibt das Thema formal in der Chefetage verankert, doch die psychologische und operative Dynamik hat einen empfindlichen Dämpfer erhalten.
Ich sehe hier ein Warnsignal: Wir erleben gerade den Übergang von der euphorischen Aufbruchstimmung in eine Phase der Realpolitik und ökonomische Skepsis.

Die Kernergebnisse: Struktur steht - Priorität wackelt.
Die Studie, für die über 800 Unternehmen aus Real- und Finanzwirtschaft befragt wurden, zeigt ein gespaltenes Bild:
Nachhaltigkeit bleibt Chefsache (theoretisch)
In 73 % der Unternehmen ist die Transformation weiterhin auf Vorstands- oder Geschäftsführungsebene angesiedelt. Das ist die gute Nachricht: Die strukturelle Verankerung ist stabil. Wer jedoch glaubt, dass die automatisch zu mehr Tempo führt, irrt.
Der massive Prioritätseinbruch
Dies ist der wohl alarmierendste Wert der aktuellen Erhebung: 59 % der Unternehmen geben an, dass Nachhaltigkeit intern an Priorität verliert. Zum Vergleich im Vorjahr lag dieser Wert gerade einmal bei 14 %. Das Thema rückt in der internen Agenda nach hinten - verdrängt durch geopolitische Krisen, wirtschaftlichen Druck und eine zunehmende " Regulierungsmüdigkeit".
Politik vom Motor zum Bremsklotz
Besonders deutlich wird die Kritik an den Rahmenbedingungen:
Die Wahrnehmung der Politik als Treiber ist massiv eingebrochen (ein Minus von 31 Prozentpunkten).
Stattdessen werden unsichere politische Rahmenbedingungen und fehlende Marktanreize als die größten Hindernisse genannt.
Unternehmen fordern Planungssicherheit statt kleinteiliger Bürokratie.
Lichtblicke: Substanz statt Symbolpolitik
Trotz der schwindenden Euphorie gibt es Anzeichen, für eine tiefe Professionalisierung im "Maschinenraum":
Reporting und Daten: Die Erfassung von Treibhausgasemissionen ist für viele zum Standard geworden (86 % der Unternehmen). Das zeigt: Die methodische Basis wird solider, auch wenn die Begeisterung nachlässt.
Klimaziele bleiben: Die Mehrheit der Unternehmen hält an ihren gesteckten Klimazielen fest. Es findet also kein genereller Rückzug statt, sondern eher ein kritische Bestandsaufnahme der Machbarkeit.
Fazit für die Praxis: Was bedeutet das für Unternehmen?
Der STM 2026 markiert das Ende der "Feel-Good-Ära" der Nachhaltigkeit. Wir treten in eine Phase ein, in der sich ESG (Environmental, Social, Governance) ökonomisch beweisen muss.
Meine Einschätzung: Unternehmen, die jetzt aus politischer Unsicherheit pausieren, riskieren ihre langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Transformation ist kein Projekt, das man "abbestellt", wenn es ungemütlich wird. Der Fokus muss jetzt darauf liegen, Nachhaltigkeit effizient und wertsteigernd zu implementieren, statt nur Häkchen zu setzen.
Die Herausforderung 2026 lautet: Wie halten wir die Dynamik aufrecht, wenn der Rückenwind Durch die Politik fehlt und der Wind im Markt rauer weht?
Auf einen Blick: Die wichtigsten Zahlen des STM 2026
Kennzahl | Wert 2026 | Trend zum Vorjahr |
Verankerung in der Geschäftsführung | 73 % | Stabil |
Interner Prioritätsverlust | 59 % | Stark steigend (von 14 %) |
Erfassung von Emissionen | 86 % | Steigend |
Politik als Treiber | Deutlich gesunken | -31 Prozentpunkte |